30. Juli 2026
Während bei jüngeren Menschen meist schwere Unfälle zu Knochenbrüchen führen, reicht im fortgeschrittenen Alter oft schon ein banaler Stolpersturz im häuslichen Umfeld aus. Die Folgen sind jedoch ungleich gravierender: Ein solcher Bruch kann eine Kaskade lebensbedrohlicher Komplikationen auslösen und den dauerhaften Verlust eines selbstbestimmten Lebens bedeuten. Die medizinische Versorgung betagter Patienten ist hochkomplex. Häufig liegt eine Multimedikation vor – die Einnahme zahlreicher, teils wechselwirkender Medikamente –, zudem erschweren chronische Vorerkrankungen wie Diabetes oder Gefäßleiden die Heilung und bergen das Risiko schwerer Wundheilungsstörungen.
Zwei Fachdisziplinen, ein gemeinsamer Behandlungsplan
Im neu zertifizierten Alterstraumazentrum des „EV“ arbeiten Mediziner aus der Unfallchirurgie und der Geriatrie (Altersmedizin) daher von der ersten Minute an Hand in Hand. „Wir betrachten den älteren Unfallpatienten nicht isoliert durch die chirurgische Brille“, erklärt Dr. med. Christoph Gilbert, Kommissarischer Leiter der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulenchirurgie. „Während wir die Fraktur, sofern notwendig, schnellstmöglich und schonend operieren, steuern die Kollegen der Geriatrie bereits ab der Notaufnahme die komplexe Medikation aus, überwachen Vorerkrankungen und leiten Maßnahmen gegen postoperative Verwirrtheitszustände oder Wundheilungsstörungen ein.“
Schonende OP-Verfahren als Schlüssel zur schnellen Mobilität
Ein wesentlicher Pfeiler des Zentrums ist die individuell auf den Patienten abgestimmte Behandlung. Sofern medizinisch möglich, wird eine konservative Therapie ohne Operation bevorzugt. Ist ein Eingriff erforderlich, setzen die Unfallchirurgen konsequent auf moderne, minimalinvasive Operationsverfahren. Wo früher große Schnitte notwendig waren, nutzen sie heute präzise „Schlüsselloch-Techniken“ und gewebeschonende Implantate. „Für unsere älteren Patienten ist das von unschätzbarem Wert“, betont Dr. med. Gilbert. „Das OP-Trauma wird auf ein Minimum reduziert, der Blutverlust ist geringer und das Risiko für Wundinfektionen sinkt drastisch.“ Ein weiterer entscheidender Vorteil: Die Patienten haben nach dem Eingriff deutlich weniger Schmerzen. Nur so ist es möglich, dass das geriatrische Team gemeinsam mit der Physiotherapie bereits wenige Stunden nach der Operation mit der Mobilisation beginnen kann – getreu dem Motto: Wer rastet, der rostet.
Auf Station setzt sich diese enge Verzahnung nahtlos fort. „Als Altersmediziner begleiten wir die Patientinnen und Patienten von Beginn an – oft bereits vor der Operation“, erklärt Marin Herceg, Sektionsleiter Geriatrie. „Unser Blick gilt dem ganzen Menschen: Wir stabilisieren bestehende Erkrankungen, überprüfen und optimieren die Medikation und schaffen die Voraussetzungen für eine möglichst komplikationsarme Behandlung. Gleichzeitig fördern wir vom ersten Tag an die körperliche und geistige Mobilität. Nur durch diese ganzheitliche Betreuung gelingt es uns, die Brücke zurück in die gewohnte Häuslichkeit zu bauen.“
Gelebtes Teamkonzept bis 2029 bestätigt
Die Prüfer der DGU hoben bei der Erstzertifizierung besonders hervor, wie reibungslos die interdisziplinären Pfade im „EV“ ineinandergreifen. Neben den Ärzten beider Fachrichtungen ist ein spezialisiertes Team aus Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und dem Sozialdienst fest in das Konzept integriert.
„Die Zertifizierung ist eine großartige Bestätigung für eine Teamleistung, die Fachgrenzen sprengt“, betont Geschäftsführer Markus Schäfer. „Für die älteren Menschen in Gießen und der Region bedeutet dieses Siegel die Sicherheit, dass sie nach einem Unfall eine kombinierte Medizin erhalten, die genau auf die Verwundbarkeit im Alter abgestimmt ist, um schnell und sicher in ihr gewohntes Leben zurückzukehren.“